Ein Kunstwerk spricht für sich?

Theater im Musuem

Zwischen Kunstwerk und Betrachter befindet sich nichts. Lediglich die Luft, die beide zum Atmen brauchen. Eventuell markiert eine Barriere die nötige Distanz voreinander. Die Architektur des Raumes, seine Farbgebung, seine Materialität sowie die Beleuchtung, die Beschriftung und die Verortung, auch im Kontext zu benachbarten Kunstwerken, setzen das Objekt in Szene. Audioguides stellen Informationen bereit. Durch Sprache, Musik und Geräusche lenken sie das Auge und den Geist. Das Zusammenspiel aller Elemente schafft eine Aura, auf deren Spuren der Betrachter sich begibt.

Ziehe ich den Kopfhörer ab, höre ich den Raum und seine Bewegungen. Der Geist ist frei. Der Blick ungebunden.

Ein Inszenierungs-Team, fünf SchauspielerInnen, eine Tänzerin und zwei Kinder machten sich auf den Weg. Es galt, einen Dialog mit der Antike in dreieinhalb Probewochen aufzunehmen - für eine theatrale Installation in 16 Räumen der Ausstellung „Die Rückkehr der Götter“ am Pergamonmuseum Berlin.

3500 Jahre alte Texte sprechen, die mit heutigen Texten collagiert sind; moderne Kostüme erfinden, die die Antike zitieren und Träger für digitale Klangkörper sein können; neue Raumatmosphären schaffen, sicht- und hörbar, mithilfe minimalistischer Mitteln; und tanzen - in Räumen der Stille. Das war die Herausforderung.

Grundlagen dieser Expedition ist der Geist der Wissenschaftler, die Kuration der Ausstellung und die Neugier aller Beteiligten.

Und abermals ziehe ich den Kopfhörer ab, höre den Raum und seine Bewegungen. Der Geist ist frei. Der Blick ungebunden. Können wir mit einer Statue sprechen? Wenn ja, wie? Erhalten wir eine Antwort? Verstehen wir sie?

Im Museum angekommen, atmen wir die Luft der Räume, hören der Stille nach, die  die Abendstunden ausmachen, erproben unseren Dialog und schalten schließlich das Licht aus.


Ja. Wenn wir die Statue beleuchten, tritt sie aus dem Dunkeln hervor und antwortet uns mit ihrem Schattenwurf. Und ihr erhelltes Gesicht widerspiegelt die Facetten unserer Ansprache.

Ein Stamm: Menschen und Götter; von einer ja
atmen wir, von
Einer Mutter wir beiden; doch Macht von ganz
verschiedener Art
Trennt uns, so daß hier ein Nichts ist, dort der
eherne Himmel ein sicherer Sitz
Bleibt für ewig. Doch kommen in etwas, sei‘s an
hohen Geiste, sei‘s
Durch Natur, wir den Unsterblichen nah,
Wissen wir auch nicht, wohin wohl, ob es bei Tag
ist oder Nacht, das
Schicksal uns zu
Laufen vorschrieb, bis zu was für einem Ziel.                
   
Pindar, †  445 v. Chr., Sechste Nemeische Ode, 1. Strophe

Wenn die Aura des Schauspielers und die Aura der Statuen eine Schnittmenge ergeben, öffnet sich ein neuer Raum für Assoziationen. Das Theater mit seiner langen Tradition und seinen unzähligen Formen kann durch sein präzises Handwerk eine Vermittlungstätigkeit sinnlich vollbringen. Dass sich der Betrachter im Spannungsfeld des Kunstwerks selbst erfahren kann, setzt voraus, dass all‘ seine Sinne angeregt werden. Der zeitgeschichtliche Graben, der sie voneinander trennt, ist aufgehoben.

Den Bogen von der Moderne zum Entstehungszeitpunkt des Kunstwerks zu spannen, war das Ziel für die Beteiligten, die sich in einer Nacht im Juni 2009 auf die theatrale Expedition WOHIN MIT DEN GÖTTERN? im Pergamonmuseum Berlin eingelassen haben.

Mein Dank gilt allen, die das ermöglichten.


Dirk Schulz


Dirk Schulz Theaterregisseur - dirkschulzregie.de