Kommentar von Dirk Schulz


Eine Identitätspolitik, die trennend ist, lehne ich ab.

Denkverbote ebenfalls.

Und Silencing ist auch keine Lösung.


"Wir, die SchauspielerInnen, die KLARA und der Theaterregisseur Dirk Schulz sagen die beiden Lesungen ab, weil es uns wichtig ist, die gesellschaftliche Diskussion über Rassismus in einem empathischen und vertrauensvollen Dialog zu führen. Wir möchten den Diskurs voranbringen und uns dafür zuerst selbst reflektieren. Wir sehen unsere Fehler in der Form der Ankündigung, die leider ausgrenzend wirkte, ohne dass wir das gewollt haben. Das tut uns ehrlich leid. Die Absage soll ein Zeichen der Aussöhnung sein, um dem notwendigen Diskurs den Raum und die Luft zu geben, die er braucht".   
 

Das war unser Absagetext für zwei szenische Lesungen, die ich mit Theaterlaien Ende September 2019 in Basel aufführen wollte. Dazu kam es nicht. Das offene Gespräch, zu dem ich vor den Aufführungen - aufgrund eines Shitstorms, der sich am Titel des Theaterstückes, am Text des Flyers und an der Plakatgestaltung in den sozialen Medien entzündete - an einen runden Tisch eingeladen hatte, misslang. Bei dieser Aussprache durfte über Inhalte nicht gesprochen werden, die Posts, die auf Facebook schon erschienen sind, wurden stattdessen vorgelesen. Niemand unter den Anwesenden hatte den Text gelesen, der - wie der Titel - auch als rassistisch eingestuft wurde. Meine Verurteilung war bereits vollzogen; dazu trug wohl die Kombination „mittelalter, weisser Mann, zudem aus Deutschland“ das ihre bei - „ die Vorstellungen werden nicht stattfinden und wenn, dann werden sie gestört werden“. Ich wollte meine SchauspielerInnen, den Aufführungsort, das Publikum und mich vor fehlgeleiteten Emotionen schützen, habe beide Termine abgesagt und damit Zeit für den Diskurs aufgemacht, den wir eigentlich durch die Aufführungen anstossen wollten. Mir war klar, wenn das Ganze hochkocht, werden im gerade laufenden Schweizer Wahlkampf sich rechte Parteien das zu eigen machen und Minderheiten innerhalb der Schweizer Gesellschaft den Kürzeren ziehen. 

Doch was war eigentlich passiert? War das ein Meinungsdiktat jener, die nichts zu wissen brauchen, um immer Recht zu behalten? Ging es wirklich „nur“ um den Flyer und „nur“ um den Titel? Darf in einer offenen Gesellschaft jemand das Vetorecht für sich und seine Community in Anspruch nehmen? Oder war es doch die provinzielle Hysterie der moralisch Überlegenen?

Wo stehe ich heute? Ich führe mein Engagement in Sachen unbewusster Rassismus fort - ein Prozess, der schon vor längerem begonnen hat und vermutlich nie ein Ende finden wird. Den Perspektivenwechsel, ein wichtiges Werkzeug meiner Arbeit als Theaterregisseur, habe ich am eigenen Leib erfahren, als ich in eine Ecke gestellt wurde, in der ich mich nie gesehen hatte und auch heute nicht sehe: Ein deutscher Nazi, der in Basel lebt und einen rassistischen Text inszeniert. Die sozialen Medien wurden wieder einmal mehr als asoziales Medium genutzt. Nicht alle Posts waren hämisch, bösartig oder verletzend, immer wieder gab es Posts, die es jetzt noch wert sind, gelesen zu werden: Nicht in Bezug auf dieses Theaterstück, doch im Hinblick auf unbewussten und strukturellen Rassismus. Dafür bedanke ich mich herzlich.

Im Absagetext für die beiden Szenischen Lesungen hatte ich bewusst das Wort Aussöhnung gewählt. Aussöhnung heisst Niederlegung des Streits, damit die Emotionen nicht weiter eskalieren, nicht aber blindes Zugeständnis oder Übernahme der differenten Position. Folgende Fragen sind für mich noch offen: Wenn man eine öffentliche Diskussion unterbindet, angeregt durch Theater, Literatur, Vorträge, Filme oder Kunstwerke, bedeutet das dann nicht auch, den Diskurs zu verhindern? Oder ihn sogar jenen Kräften zuzuspielen, die dies innerhalb der Gesellschaft für einen Rückschritt der Diskussion politisch instrumentalisieren? Muss in einer offenen Gesellschaft nicht alles ausgesprochen werden, auch wenn es schmerzt, um Klärungs- und Lösungsansätze gemeinsam erarbeiten zu können?

Widersprüche gilt es auszuhalten und Empörung hilft einem Diskurs nicht weiter. „Wir können nie sicher sein, dass die Ansicht, die wir unterdrücken wollen, falsch ist“, so John Stuart Mill, ein britischer Freiheitsphilosoph: Doch auch wenn derlei Gewissheit besteht, "wäre die Unterdrückung ein Übel“. Mich beunruhigt es, dass alle Beteiligten der Auseinandersetzung jederzeit zu wissen glaubten, was richtig und was falsch ist. Den Beruf des Theaterregisseurs habe ich gewählt, um das Zweifeln, das Abwägen, das Zögern und das Suchen im Zentrum meiner Inszenierungen zu stellen. Menschen stehen für mich im Mittelpunkt eines fragenden, das Problem öffnenden Textes. Dazu wurde uns der Humor geschenkt, der das Ausloten der Pole für alle Beteiligten erträglich macht. 

 

Autorin

Ingrid Lausund

 

Text

Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner

 

Stimm - und Atemtechnik

Agatha Wilewska

 

Szenische Lesung

Anna Branco, Kristina Kraft, Julia Otto, Gaby Rockmann, Nicole Silbereisen, Elias Schäfer, Tobias Spring

 

Ich danke allen, die uns mit Wort und Tat untertstützt haben - vor allem danken wir von Herzen dem Team der KLARA für ihre Gastfreundschaft und für umsichtige Begleitung.

DIRK SCHULZ THEATERREGISSEUR

Ingrid Lausund
BENEFIZ - JEDER RETTET EINEN AFRIKANER
Leerstelle 2019

Dirk Schulz Theaterregisseur - dirkschulzregie.de